Stimmung im Betrieb – Über die Grenzen der eigenen Wahrnehmung

Erfahren Sie in diesem Artikel, wie schwierig es sein kann, schlechte Stimmung und die tatsächliche Ursache zusammenzubringen.

Bei einem unserer Kunden hatte ich kürzlich einen spannenden Workshop. Die Problemstellung war schnell erfasst und umfangreich vorbereitet: Die Auszubildenden des Betriebs absolvieren eine hervorragende Ausbildung und verlassen dann das Unternehmen – entweder direkt oder kurz danach. Verständlicherweise ist das in Zeiten des Fachkräftemangels ein Zustand, den kein Unternehmen lange aushalten kann.

Der Workshop

Teil des Workshops war es, die Rolle der Auszubildenden herauszuarbeiten und im Anschluss die Frage zu beantworten, was an der Ausbildung als Ganzes zu verbessern sein könnte. Doch während des Workshops wurde sehr deutlich, dass es an einem nicht liegt: an der Ausbildung.

Gelobt wurden insbesondere die Ausbilder, die sich für Ihre Schützlinge sprichwörtlich ein Bein herausreißen würden. Verantwortung und Loyalität war somit etwas, das täglich vorgelebt wurde. Warum also zog es so viele fähige Einsteiger wieder weg?

PostIt mit "Stimmung im Betrieb"Die wiederkehrende Wahrnehmung der Auszubildenden war die „schlechte Stimmung im Betrieb“. Beim Versuch der Sache auf den Grund zu gehen, blieben sie meist sehr unkonkret. Folgende Punkte wurden angesprochen:

  • Es werde nicht gegrüßt morgens
  • Die Bereitschaft untereinander Spaß zu haben, sei abhanden gekommen
  • Fehler und kritisches Hinterfragen würden unter den Teppich gekehrt

Mit diesen Beobachtungen konnte ich im Rahmen des Workshops nicht übereinstimmen, da die Stimmung unter den Ausbildern und den Azubis offen und herzlich war…

Stimmung in Aktion

Ich war sehr froh, dass sich zum Ende des Workshops einer der Vorstandsmitglieder, Herr Kiesel*, angekündigt hatte. Er sollte bei dem letzten Element des Workshops, einer kleinen LEGO Serious Play Session, mit anwesend sein. Herr Kiesel wurde vorbereitet, dass er nur die Stimmung einfangen soll. Im Anschluss würde ich ihm eine Zusammenfassung des gesamten Workshops geben.

Was dann geschah, hat mich zunächst überrascht, aber deutlich gezeigt woher die Stimmung im Betrieb tatsächlich kam. Während der LEGO Session nahm Herr Kiesel sich die Zeit, sich im Raum umzuschauen und die Arbeitsergebnisse in Augenschein zu nehmen. Der Kontext fehlte ihm nach wie vor.

Er stand auf und fragte in eisigem Stakkato „[Gefahren im Betrieb] – Wer hat diesen Zettel geschrieben?“ noch bevor ich die Gruppe wie vereinbart in den Feierabend entlassen konnte.

Schweigen.

„Da muss doch etwas dahinter stecken. Das will ich jetzt wissen.“ Ich hatte das Gefühl, Herr Kiesel hätte eine Handgranate im Raum detonieren lassen.
„Herr … wie ist ihr Name?“ – „Schleier*“ – „Herr Schleier, Sie sind doch Azubi, oder? Wollen Sie nach Ihrer Ausbildung hier anfangen? Erzählen Sie mal, was ist schlecht an der Ausbildung hier?“

Diese Szene ging etwa 20 Minuten. Zaghaft übernahm erst der anwesende Betriebsrat, dann die Ausbilder und einige Azubis das Wort. Allerdings nur kurz, bis sie erneut schroff unterbrochen wurden.

Als alles vorbei war, konnte ich sehr gut einordnen, was mit „Stimmung im Betrieb“ gemeint war. Ein Klima der Unsicherheit schränkt die Kollegen ein – in der eigenen Arbeit, im Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in der Bildung von Zusammenhalt und Teamgedanken.

Leider stellte sich heraus, dass Herr Kiesel am umfassenden Feedback zu den Workshopergebnissen kein Interesse hatte. Wahrscheinlich weil sich der tatsächliche Grund für die Abwanderung der Azubis während des Workshops nicht offenbart hat – Sondern erst danach.

Die Ursache

Wir beobachten in Unternehmen sehr häufig, dass bereits kleine Unstimmigkeiten im Miteinander der Geschäftsführung / der Vorstände, die Nuancen im gegenseitigen Umgang, über die Hierarchie exponentiell eskalieren. Was als kleine persönliche Unsicherheit im Vorstand beginnt, erwächst sich über die Organisation zu einer festen Vertrauenskrise. Dies kann auf Mitarbeiterebene zu Kontrollwahn, Reportingschlachten und offenen Streits führen. Und das ohne, dass die Mitarbeiter genau sagen könnten, woher der Konflikt eigentlich kommt.

Herr Kiesel wirkt durch seine Fragetechnik stark und mächtig, schafft darüber hinaus jedoch eine Atmosphäre der Unsicherheit. Bei seinen direkten Mitarbeitern war deutlich zu erkennen, dass sie eher alles präzise vorbereiten, als sich dieser Tirade auszusetzen. Die gelebte Zurückhaltung entwickelt sich über die Zeit zu einer gesamtorganisatorischen Ohnmacht. Und jeder Versuch ihr zu entrinnen, wie zum Beispiel unser Workshop, bestätigt und festigt diese Ohnmacht nur.

Der Volksmund sagt: „Der Fisch stinkt vom Kopf her“. Ich persönlich mag das Sprichwort nicht, weil es den Fokus zu sehr auf die negativen Seiten richtet. Dennoch konnte ich erleben, wie die Unsicherheit eines Einzelnen, eine ganze Organisation dauerhaft lähmt und ihr langfristig schadet. Von einem weiteren Workshop wurde bisher abgesehen…

*Name verändert

Titelbild von Pixabay / Ryan McGuire

Über den Autor


Peter Kleinau
Peter Kleinau

Geschäftsführender Gesellschafter bei der Executive Mediation GmbH

Schwerpunkte: Strategischer Berater, Leadership Coach & Innovations Facilitator