Erziehung und Führung

Wenn ich sowohl im privaten als auch beruflichen Kontext neue Kontakte knüpfe ist folgende Frage unter den ersten gestellten: Und was machst du beruflich? Meine Antwort auf die gestellte Frage lautet häufig: „Ich bin Pädagogin.“ Das interessante dabei ist die Assoziation die bei meinem Gegenüber entsteht

„Ach, dann bist du Lehrerin?“.

Nein, das bin ich nicht.
Wenn der Begriff Pädagogik fällt, wird meist nur an Kinder oder Jugendliche gedacht. Aber warum ist das so? Das Schlagwort heißt Erziehung. Neben der Familie nehmen Institutionen wie Kindergarten und Schule einen großen und wichtigen Einfluss auf Kinder & Jugendliche.
Aber was passiert eigentlich zwischen den Menschen in einem Unternehmen, vor allem zwischen einer Führungskraft und einem Mitarbeiter. Vielleicht mag der Begriff „Erziehung“ abschreckend wirken, da jede Person ein festes und von eigenen Erfahrungen geprägtes Bild von ihr hat. Wenn man jedoch schaut was hinter dem Begriff Erziehung steckt, werden die Parallelen zur Führung deutlich.

Erziehung

Der Erzieher als Bildhauer

Nicht immer hilfreich: Modellierung des Kindes nach den eigenen Vorstellungen

Zwar werden sich selbst die Erziehungswissenschaftler selbst nicht einig über die Begrifflichkeit der Erziehung, doch in einem stimmen sie alle überein: im Zentrum von Erziehung steht die sog. „Bildung des Subjekts“ und damit die Bildung einer eigenverantwortlichen bewussten Persönlichkeit.
Diese beginnt naturgemäß mit einer Fremderziehung. Darunter ist die pädagogische Einflussnahme auf die Entwicklung und das Verhalten des Kindes oder Jugendlichen zu verstehen. Sie mündet in die spätere eigenverantwortliche Selbsterziehung des Erwachsenen.

Was bedeutet das konkret?

Aus Kindern sollen glückliche, selbstbewusste, konfliktfähige, soziale, verantwortungsvolle Erwachsene werden. Die Eltern müssen für sich entscheiden, am besten im Team, wie sie ihr Kind erziehen wollen. Der flexible Erziehungsstil ist heutzutage der meist verbreitete.

Erziehung als Gärtner

Besserer Ansatz: Zur freien Entfaltung Schutz, Fürsorge und Sicherheit geben – ähnlich einem Gärtner.

Hier stehen das Kind und sein Wohl im Vordergrund. Respekt und Wertschätzung sind wichtige Grundsätze. Eltern schenken ihrem Kind Anerkennung für das was es ist und nicht für das, was es getan oder geleistet hat. Das bedeutet auch, dass die Eltern sich von festen Vorstellungen und Erwartungen gegenüber dem Kind lösen und dem Kind die Möglichkeit geben, seinen eigenen Weg zu gehen und eine eigene Persönlichkeit zu entfalten. Umwege zu gehen und Fehler machen ist erlaubt. Dies betrifft auch die Schule mit ihren Noten.

Keinesfalls soll dadurch aber der Eindruck entstehen, dass Kinder vollkommen frei seien, das zu tun oder auch nicht zu tun, wonach ihnen gerade der Sinn steht. Eltern müssen Grenzen und Regeln festlegen.

Das ist keine Revidierung meiner Argumentation. Nein, ganz im Gegenteil. Sie untermauert sie.

Kinder benötigen Grenzen, Regeln und Werte um sich zu entwickeln, sie geben Halt und Orientierung. Hand in Hand geht damit, dass diese Grenzen und Regeln je nach Situation, Entwicklungsstand und Umweltbedingungen neu gezogen werden müssen, mal strenger mal lockerer.

Die Gesamtheit und Komplexität von Erziehung kann natürlich nicht in einem kurzen Absatz zusammengefasst werden. Der kleine Einblick, den ich versuche hier zu geben, soll helfen eigene Parallelen zu ziehen, wenn Sie mögen.

Parallelen in der modernen Führung

Als Führungskraft entscheiden Sie bewusst oder unbewusst über Ihre Art zu führen. Ihr Unternehmen gibt Ihnen darüber hinaus den Rahmen in dem Ihr Führungsstil sich entfalten kann. Dieser Rahmen ist ebenfalls entweder bewusst gesetzt oder er wird unbewusst erlebt durch das Feedback auf Ihr konkretes Führungsverhalten. Aus diesem Rahmen schöpfen Sie auch die Möglichkeiten zur Förderung, Wertschätzung und Entwicklung von Mitarbeitern und Führungskräften. Auch wenn Sie bei der Kindererziehung weniger auf Zuständigkeiten und unternehmenspolitische Strömungen achten müssen, gibt auch Ihr familiärer Hintergrund Ihnen für Ihre Kindererziehung viel vor und setzt damit ebenfalls einen Rahmen.

Respekt und Wertschätzung

Unabhängig von diesem Rahmen ist es die eigene Haltung gegenüber den Menschen im Unternehmen, aus der die Wertschätzung und der Respekt für sie entspringt.

Wertschätzung ist wohl ein Begriff der in den letzten Jahren oft im Unternehmenskontext gefallen ist. Mit Anerkennung und Wertschätzung geht der gegenseitige Respekt einher. Erst wenn ich meine Mitarbeiter als Menschen respektiere und meine Mitarbeiter mich als Menschen respektieren, kann auf der Inhaltsebene sinnvoll zusammengearbeitet werden. Wie das Wohl des Kindes hat hier auch das Wohl des Mitarbeiters eine hohe Priorität.

Der Respekt für den Mitarbeiter hebt sich nicht auf, weil er oder sie einen Fehler gemacht hat. Fehler zu machen gehört bei allen Menschen dazu. Gerade bei Konflikten und Entscheidungen die einen Mitarbeiter betreffen geht es darum, ihm die Chance zu geben sich mitzuteilen, angehört und wenn es die Situation erlaubt auch mitzuentscheiden. Wenn dem nicht so ist, so wird sich der Mitarbeiter weder respektiert noch anerkannt fühlen.
Je nach Reifegrad des Mitarbeiters sollte die Führungskraft einen Gestaltungsspielraum für den Mitarbeiter schaffen damit sich dieser persönlich und fachlich weiter entfalten kann. Dieser Rahmen gibt dem Mitarbeiter die benötigte Orientierung, genauso wie es einem Kind die Möglichkeit und Sicherheit gibt, sich auszuprobieren.

Führung und Vertrauen

Zu jeder Führungskraft-Mitarbeiter-Beziehung gehört auch Vertrauen. Vertrauen beruht darauf, dass mein Gegenüber es gut mit mir meint. Erst durch das Vertrauen kommt die Verantwortung. Als Führungskraft muss ich meinen Mitarbeitern vertrauen, um ihnen verantwortungsvolle Aufgaben übergeben zu können. Kindern muss man als Eltern oft vieles zutrauen und ihnen auch mehrere Versuche gestatten. Doch nur dadurch entsteht beim Kind das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. In beiden Fällen braucht es Mut und die Bereitschaft, im Krisenfall zur Stelle zu sein. Nicht um es dann doch selbst zu erledigen, sondern die Botschaft zu senden: „Guter Versuch, mach es nochmal!“

Eines ist klar: Die Mitarbeiter werden nicht nach einer Eltern-Kind-Beziehung in einem Unternehmen erzogen. Dies würde viel zu weit gehen. Wenn wir unseren Kindern mit unserer Erziehungsform zugestehen, zu selbständigen und selbstbewussten Individuen zu werden, dann sollte das Ziel einer Führungskraft sein, diesen Weg für die eigenen Mitarbeiter weiter zu unterstützen.

 

Über die Autorin


Tania Conde Beltrán
Tania Conde Beltrán

Consultant und Coach bei der Executive Mediation GmbH

Schwerpunkte: Systemisches Coaching, emotionSync®, Konfliktmanagement, Authentizität mit MasterTypo3®