Die ehrliche Stellenanzeige

Eine Stellenanzeige macht Lust auf die offene Stelle und soll Menschen dahingehend motivieren, sich zu bewerben. Aus diversen Quellen und Portalen erhalte ich regelmäßig solche Angebote für neue Jobs oder Projektbeauftragungen. Ich freue mich jedes Mal sehr darüber, denn es zeigt mir einerseits, dass es dem Markt gut geht und andererseits, dass in der größten Not die Arbeit förmlich auf der Straße liegt.

Doch wenn ich mir die zu besetzenden Stellen und Positionen anschaue, kommt mir das kalte Grauen und die Not müsste wirklich sehr groß sein, um freiwillig jeden Tag dort den Dienst anzutreten. Doch leider sieht man das nicht auf den ersten Blick, die Stellenanzeige ist nicht ehrlich.

Das Angebot

Eine dieser Positionen hat es mir besonders angetan. Ich lasse mal das Geplänkel weg und zitiere hier nur den Teil mit den Aufgaben und den Anforderungen:

Aufgabe und Anforderungen 
  • Als Solution Manager sollen Sie ein übergreifendes Architekturkonzept für das Zusammenspiel verschiedener Technologien erstellen, mit dem die gewünschte Funktionalität erreicht werden kann.
  • Bei uns als Dienstleister sollen Service und Lösungsarchitektur für verschiedene Kunden unterstützt werden.
  • Sie sind nicht der Facharchitekt / Experte, sondern jemand mit Technologie-Verständnis, Prozess und Serviceverständnis wie man so etwas effektiv und effizient betreiben kann, welche Lizenzen benötigt werden, welche Kundenforderungen wie am besten abzudecken sind.
  • Sie vermitteln bzw. transformieren die jeweiligen Anforderungen und Gegebenheiten der Kunden mit unseren Serviceeinheiten. Das Projekt hat also zwei Kundengruppen, die Endkunden und die eigenen Serviceeinheiten, die das was angeboten und konzipiert wird, auch leisten müssen.
  • Somit benötigen wir jemanden, der senior und moderierend durchsetzungsstark ist.
  • Sie berichten direkt an den Projektmanager.

Und? Würden Sie sich bewerben? Ich habe das alles gelesen und ein eher ungutes Gefühl gehabt. Nach einigem Überlegen fiel mir auf, dass während dem Lesen folgende Frage auftauchte: Was würde ich dort eigentlich wirklich vorfinden?

Die ehrliche Stellenanzeige

Aus der Erfahrung, die ich mit vielen vergleichbaren Projekten habe und dem Gesicht, was Kolleginnen und Kollegen in Positionen wie dieser regelmäßig machten, hat sich die Anzeige für mich wie folgt gelesen:

Aufgabe und Anforderungen:
  • Als Mädchen für alles sollen Sie ganz viel Papier erzeugen, was gut aussieht und uns für die nächsten 5 Jahre beschäftigt. Wir wollen damit dem Kunden Versprechungen machen und Unsummen an Kohle verbrennen. Am Ende werden wir es trotzdem gegen einen Standard aus Indien ablösen.
  • Wir haben viele Kunden und die müssen alle unter einen Hut gebracht werden, was eigentlich gar nicht geht, aber dafür haben wir ja dann Sie.
  • Sie haben 10.000 Stunden Schulung in allen Disziplinen gemacht, sind aber immer zu spät gekommen? Deswegen haperts bei Ihnen an den Details, aber genau das brauchen wir. Sie sollen gekonnt englische Begriffe auf Powerpoint Folien malen und dazu verbundene Kästchen richtig benennen. Als Generalist erwarten wir von Ihnen überall mitreden zu können, weshalb wir Sie bereits jetzt in jeder anstehenden Fach- und Gremiumssitzung als Teilnehmer eingeladen haben.
  • Sie haben die Aufgabe, überforderte Dienstleistersteuerer auf Kundenseite mit den technischen Spezialisten aus unserem Hause zusammenzubringen. Sie müssen also fünf Gruppen zufriedenstellen: Unser Management, den Projektleiter, viele Kunden, alle technischen Spezialisten und letztlich Ihr Budget. Das kommt aber auch von unserem Management.
  • Sie sollten ein alter Haudegen sein, der beim Betreten die Zimmertemperatur absenken kann. Sie müssen für Ordnung und Disziplin sorgen, denn uns nimmt hier irgendwie keiner mehr ernst. Rückendeckung können Sie von uns leider nicht erwarten, deswegen sollten Sie sich gut auch alleine durchsetzen können.
  • Sollten Sie auf Probleme stoßen, lassen Sie uns damit bitte zufrieden. Der Projektmanager hört Ihnen gern zu, aber für die Lösung, da haben wir ja dann Sie.

Ich kann nur mutmaßen, ob der Job dann tatsächlich so übertrieben verstörend war. Denn beworben habe ich mich dort nicht. Doch dieses extreme Beispiel soll demonstrieren, wie viel zwischen einer attraktiven Stellenbeschreibung und der tatsächlich erwarteten und durchgeführten Tätigkeit liegen kann.

Gern würde ich in den Jobbörsen mehr ehrliche Stellenbeschreibungen lesen. In denen sind vielleicht solide Excelkenntnisse mehr wert, als ein Studium oder Auslandsaufenthalte. Anzeigen, bei denen Arbeitnehmer und Teilzeitunterstützer am Ende sagen können: Genau das war es, worauf ich mich beworben habe.

Ihre Stellenanzeige

Haben Sie noch die Stellenanzeige für Ihren Job? Wenn Sie mögen, schicken Sie sie mir zu und ein paar Zeilen zur tatsächlichen Arbeit, die Sie verrichten. Wir machen daraus eine ehrliche Stellenanzeige und veröffentlichen Sie hier. Selbstverständlich vollkommen anonym. Ich freue mich auf Ihre Zuschriften an:

DieEhrlicheStellenanzeige@executive-mediation.com

Vielen Dank. Ein lächeln bewegt mehr 🙂

Peter Kleinau